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Ein Projekt für krebskranke Kinder und Jugendliche

Yagmur Ögüt:

Yagmur, geboren am 10.Januar 1985,genannt der Tiger, berichtet über seine Erfahrungen mit einem Gehirntumor.
 

 

Der kämpfende Tiger

Es war an einem Sonntag, dem 3.6.94, als ich anfing zu brechen und mich überhaupt nicht wohlfühlte. Deshalb brachte meine Mutter mich gleich am nächsten Tag zum Arzt. Der Arzt sagte, dass ich so schnell wie möglich ins Krankenhaus müsse, weil er nicht feststellen konnte, was mir fehlte. Also brachte mich meine Mutter ins Wolfsburger Stadtkrankenhaus.
Die Ärzte stellten nach mehreren Untersuchungen einen Gehirntumor bei mir fest, und ich sollte so schnell wie möglich operiert werden. Professor Otte schickte mich in die Göttinger Universitätsklinik, wo ich operiert werden sollte. Da lernte ich die Ärztin kennen, die meinen Gehirntumor entfernen sollte und der ich mein Leben verdanke.
Am 6.6. 94 wurde ich operiert. Die 11stündige Operation verlief gut und fehlerfrei.. Ich musste noch 1 ½ Wochen in diesem Krankenhaus verbringen. Die anderen Ärzte und Schwestern waren alle sehr nett, ganz besonders eine Schwester namens Elke. Nach 1 ½ Wochen wurde ich ins Wolfsburger Stadtkrankenhaus überwiesen, wo ich mit Chemotherapie behandelt wurde. Am Anfang der Therapie verlor ich meine Haare. Ich lernte viele Ärztinnen und Ärzte kennen.
Wie das Schicksal es so wollte, hat man bei den weiteren Untersuchungen auch an der Wirbelsäule Metastasen entdeckt, weswegen ich kaum laufen konnte. Nach der erfolgreich verlaufenen Chemotherapie wurde ich sechs Wochen lang bestrahlt. Dabei lernte ich einen netten Arzt kennen, der seine Arbeit sehr gut machte. Die Bestrahlung verlief ebenfalls gut.
Seitdem habe ich 4 Wochen lang Pause. Ich muss zwischendurch auch zur Kernspintomographie. Hier werden die Ergebnisse der Bestrahlung ermittelt.
Bald werde ich wieder mit Chemotherapie behandelt. Dann werden wir weitersehen. Das Wichtigste bei so einer Krankheit ist, dass man die Hoffnung nie aufgibt.
Ich wünsche allen Kindern, die dieselbe Krankheit haben, viel Glück und Durchhaltevermögen.
Meine Familie gibt mir sehr viel Mut, besonders meine Zwillingsschwester Damla.
Ich weiss auch nicht, wie ich das ganze ohne meine Mutter schaffen sollte, die jederzeit auf Schritt und Tritt für mich da war und bleiben wird.
Yagmur Ögüt, 9 Jahre, Wolfsburg

Der Tiger kämpft weiter!

Wie ich bereits in dem ersten Teil meiner Geschichte geschrieben hatte, wollten die Ärzte, dass ich nun weiterhin mit Chemotherapie behandelt werde, nachdem die Strahlentherapie abgeschlossen war.
Vorher jedoch fuhren wir wieder nach Braunschweig zur Kernspintomographie. Dort wurde untersucht, wie die Metastasen in meinem Rückenmark aussehen.
Die Ärzte stellten fest, dass die Krankheit so geblieben war und wollten deshalb sofort mit der Chemotherapie weitermachen, weil sie mir hilft.
Die Therapie verlief gut. Ab und zu hatte ich lange Pausen und bekam Bluttransfusionen, da meine Blutwerte oft zu niedrig waren.
Zum Glück war dieser Therapieabschnitt am 30.Dezember 1994 zu Ende, sodass ich Silvester zuhause mit meiner Familie feiern konnte. Denn bei uns in der Türkei feiern wir Silvester mit einem grossen Essen und vielen Geschenken.
Danach rückte auch schon der 10.1.1995 näher, der Geburtstag von meiner Schwester und mir, und meine Eltern hatten eine Überraschung für mich, wie sie schöner nicht sein konnte: Mein Onkel war nämlich aus der Türkei angereist, nur um mich zu sehen.
Für unseren Geburtstag hatten meine Schwester und ich uns eine Feier ausgedacht, die mit 15 eingeladenen Kindern stattfinden sollte. Wir wollten nämlich Essen gehen und danach zu Hause weiterfeiern, und ausserdem hatte mein ältester Bruder uns eine Überraschung versprochen, von der er aber weiter nichts verraten wollte.
Ich habe während dieser Krankheit etwas sehr wichtiges dazugelernt, nämlich, dass man nie zu viele Programme machen sollte. Denn, wie es das Schicksal wollte, musste ich einen Tag vor meinem Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert werden, da meine Blutwerte wieder so niedrig waren.
Ich war darüber sehr traurig, doch meine Mutter überzeugte mich, dass eine Geburtstagsfeier auch in einem Krankenzimmer schön sein kann. Ich musste ihr Recht geben.
Mein Onkel und ich hatten mein Zimmer geschmückt, und als meine Freunde kamen, konnte die Feier losgehen.
Ich bin auch sehr glücklich, dass ich auf der Station E 5 liege, da hier anscheinend die nettesten Schwestern, Ärztinnen und Ärzte vom ganzen Krankenhaus arbeiten.
Dann kam auch endlich die versprochene Überraschung von meinem ältesten Bruder. Er hatte nämlich zwei Jongleure eingeladen, die hier eine tolle Show machten, die allen gefiel.
Um 20.00 Uhr war die Feier dann vorbei, und ich ging ins Bett. Das war ein schöner Tag.
Inzwischen waren meine Blutwerte wieder hoch genug, um mit der Chemotherapie weiterzumachen. Davor mussten wir wieder zur Kernspintomographie nach Braunschweig.
Am 24. Januar war seit langer Zeit wieder einer der schönsten Tage in meinem Leben, denn durch die Kernspintomographie erfuhren wir, dass meine „Metastasen-Werte“ so gut waren, dass wir auch ein paar Tränen vergossen.
Jetzt glaube ich, dass ich den Kampf gegen diese Krankheit gewinnen werde, denn es kann nur noch geradeaus gehen.
Vor mir liegen noch zwei Therapieblöcke, und auch die Ärzte glauben, dass ich mit dieser Therapie die schreckliche Krankheit besiegen werde.
Und jetzt noch ein Wort zu all den Lesern, die auch so eine Krankheit haben:
Man muss von seinem tiefsten Innern wollen, dass man diese Krankheit besiegt, denn genauso werde ich diese Krankheit besiegen, und ich hoffe, ich kann noch dieses Jahr mit meiner Familie in den Urlaub, in die Türkei fliegen.
Denn nur Fledermäuse lassen den Kopf hängen!
31.1.1995
Yagmur Ögüt, 10 Jahre, Wolfsburg

Der Tiger hat gewonnen

Das kann ich laut sagen, denn obwohl ich noch nicht mit der Therapie fertig bin, weiss ich, dass ich wieder gesund werde. Denn am 29. Juni 1995 sind wir nach der letzten Chemotherapie nach Braunschweig zur Kernspintomographie gefahren. Und am 3. Juli 1995 war ein grosser Tag für uns.
Wir hatten ein Gespräch mit dem Professor, der uns mitteilte, dass die Restspuren der Metastasen aus meinem Rückenmark weg waren.
Damit ich keinen Rückfall bekomme, wollte der Professor mit mir eine Therapie machen, zu der ich alle acht Wochen einmal einen Tag im Krankenhaus erscheinen müsste. Dieses sollte insgesamt vier mal geschehen. Und nach dem ersten Mal würde man mir meinen Katheter entfernen und die restlichen drei Therapien durch einen Zugang in der Hand machen.
Ich freue mich sehr, dass mein Katheter bald heraus kommt, damit ich endlich wieder baden und schwimmen gehen kann, was ich leider bisher nicht durfte.
Meine Familie und ich konnten zwar in den Sommerferien nicht in den Urlaub fliegen, aber wenn alles gut geht, fliegen wir in den Herbstferien zu meinen Grosseltern in die Türkei, worauf ich mich schon sehr freue.
Ich habe jetzt ein schweres Jahr Chemotherapie hinter mir, und ich glaube, wenn man das geschafft hat, kann man die restliche Zeit im Krankenhaus auch überstehen.
Ich habe nie aufgehört zu kämpfen, weil ich wusste, dass meine Familie immer für mich da war, mir viel Mut machte und mir half, gegen die Krankheit zu kämpfen. Ganz besonders half mir meine Mutter, die Tag und Nacht bei mir war und alles mit mir durchgemacht hat.
In dieser schweren Zeit wurden wir ein Herz und eine Seele, und ich weiss nicht, wie ich mich jemals dafür revanchieren kann.
Bei so schlimmen Krankheiten wie Krebs braucht man immer jemanden an seiner Seite, und die am meisten geeignete Person dafür ist die eigene Mutter.
Leider konnte ich nicht oft am Unterricht der vierten Klasse teilnehmen und wiederhole sie deshalb. Ich bin sehr froh darüber, dass meine Klassenkameraden dieses respektieren und mir viel Glück in meiner neuen Klasse wünschen. Aber ich bin nicht traurig darüber, dass ich das Jahr verloren habe, denn Hauptsache ist, dass ich wieder gesund bin.
Ich wünsche allen kranken Kindern, dass sie wieder gesund werden und endlich ein schönes Leben haben können, ganz besonders meinem Freund Christian, den ich aus dem Göttinger Krankenhaus kenne.
Denn, wie schon einmal erwähnt: Nur Fledermäuse lassen sich hängen!


Der Tiger war im Urlaub

Der Professor war sehr zufrieden mit mir und meinen Ergebnissen. Aber wir wollten auf Nummer sicher gehen, und wie ich im dritten Teil meiner Geschichte erwähnt hatte, beschlossen wir eine sogenannte Erhaltungstherapie zu beginnen. Das bedeutet, dass die Chemotherapie reduziert wird und ich öfter zu Hause als im Krankenhaus sein kann. Dieses hört sich gut an, und wir wollten so schnell wie möglich beginnen, damit ich es bald hinter mir habe. Aber leider ist es anders gelaufen, als wir erwartet hatten.
Die Nebenwirkungen bei dem ersten Block waren, dass meine Därme gelähmt wurden. Mir ging es so schlecht, dass ich einen Schlauch durch die Nase bis in den Magen bekam. Eine Woche lang musste ich mich mit diesem Schlauch herumquälen. Aber man hat mich nicht umsonst „den Tiger“ genannt. Auch diese Therapie habe ich mit Hilfe meiner Familie überstanden und nach ein paar Wochen kam die schöne Nachricht, dass mein eineinhalbjähriger Katheter abgenommen werden sollte.
Das war die schönste Nachricht, die ich überhaupt hören konnte.
Die nächsten Therapien wurden durch meine Hand gespritzt, aber das war mir auch egal, denn nun konnte ich endlich nach eineinhalb Jahren wieder laufen, freier baden und schwimmen. Und am 22.September 1995 war endlich der Tag gekommen, auf den ich mich zwei Jahre lang gefreut hatte. Meine Mutter, meine Zwillingsschwester und ich flogen nämlich in den Herbstferien in die Türkei. Den Urlaub hatten wir uns verdient, denn wir hatten zwei sehr lange Chemojahre hinter uns.
Es war schön die Grosseltern und alle anderen Verwandten wiederzusehen, doch der Abschied war sehr traurig. Aber bei mir musste noch die restliche Therapie gemacht werden, und ich kam ins Wolfsburger Krankenhaus. Sie hat wieder angefangen, aber Gott sei Dank ohne Nebenwirkungen. Ich war zufrieden, meine Eltern waren zufrieden und die Ärzte waren es auch.
Zum Glück konnte ich mit meiner Schwester unseren 11. Geburtstag zu Hause feiern. Ich hatte ein paar Freunde eingeladen und meine Schwester auch, und so hatten wir alle miteinander Spass beim Kegeln.
Inzwischen war der Februar angelangt, und ich war froh, dass ich die Chemotherapie nicht mehr durch den Katheter, sondern nur noch ambulant durch die Hand bekam. Gleich darauf durfte ich wieder nach Hause.
Mit der Schule klappt es sehr gut.

Ich habe in dieser Krankheit sehr viel gelernt und bin selbständiger geworden. Und vor allem weiss ich, wer meine besten Freunde sind.
Ich habe durch die Krankheit kämpfen gelernt und ich weiss, dass Krebs in meiner Familie keine Chance hat. Denn wir sind eine wunderbare Familie

Yagmur Ögüt, 11 Jahre

Trotz all seinem Mut, seiner Hoffnung und all der Künste der Ärzte, ist Yagmur am 29. September 1996 gestorben.
Seine Geschichte, seine Gedanken, sein vorbildlicher Umgang mit seiner schweren Krankheit aber bleiben wie ein Geschenk von ihm für alle Kinder, die ähnliches wie er mitmachen. Danke Yagmur!