Onko-kids-online

Ein Projekt für krebskranke Kinder und Jugendliche

Stellungnahme des Deutschen Kinderkrebsregisters zu den Pressemitteilungen

"Kinderkrebsraten steigen" (Dezember 2001)

8. Mai 2002


In der angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift Cancer wurde im Oktober 2001 eine Studie veröffentlicht, die auf Erkrankungsfällen des Kinderkrebsregisters in Manchester aus den Jahren 1954-1998 beruht. Die Studie ist unter der Leitung der renommierten Wissenschaftlerin Frau Professor Jillian Birch durchgeführt worden. Das Fazit der Untersuchung ist, dass über die letzten Jahrzehnte ein Anstieg der Krebserkrankungsraten bei Kindern (nur solide Tumoren wurden untersucht) im Nordwesten Englands beobachtet wurde. Dies betrifft besonders Hirntumoren (und die wesentlich selteneren Keimzelltumoren).
Es ist allgemein bekannt, dass Krebserkrankungsraten seit den 50er Jahren in vielen Industrienationen zugenommen haben. Die Ursachen dazu sind vielschichtig. Sie gehen unter anderem einher mit den veränderten Lebensumständen, der größeren Mobilität der Menschen und den damit verbundenen zunehmenden Expositionen gegenüber unterschiedlichster künstlicher und natürlicher Substanzen. Insofern sind die Ergebnisse der Veröffentlichung durchaus plausibel.
Anlass für die Studie war unter anderem ein in den USA beobachteter Anstieg gemeldeter kindlicher Hirntumoren. Die Autoren der US-Studie führen diesen zeitlichen Trend vor allem auf verbesserte diagnostische Verfahren und Veränderungen im Meldeverhalten der Kliniken zurück, die eine scheinbare Veränderung der realen Erkrankungsraten suggerieren. So ist in den USA mit der breitflächigen Einführung der Magnetresonanz-Tomographie (NMR) (etwa 1986) ein sprunghafter Anstieg der Erkrankungsraten von Hirntumoren bei Kindern festgestellt worden. In der Tat machen sich diagnostische Verbesserungen bei den kindlichen Hirntumoren wesentlich stärker bemerkbar als bei den meisten anderen Krebserkrankungen im Kindesalter. Die Forschergruppe in England wollte prüfen, ob zeitliche Trends in der beobachteten Größenordnung nur durch solche Effekte zu erklären sind.
Das Ergebnis ist, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass wohl doch ein wesentlicher Anteil der beobachteten Veränderungen auf veränderte Lebensumstände zurückzuführen sind. Jedoch ist die seit vielen Jahren in verschiedenen Ländern (auch von uns für Deutschland) betriebene Ursachenforschung bei Hirntumoren im Kindesalter noch nicht in der Weise erfolgreich, dass Ursachen gefunden wurden. Man weiß lediglich mit recht hoher Sicherheit, dass einige genetische Syndrome, z.B. die Neurofibromatose, zu einem höheren Risiko führen, dass ein Kind einen Hirntumor entwickelt. Auch ein Einfluss der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft wird noch diskutiert.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Ergebnis der englischen Forschergruppe glaubhaft sind und anzunehmen ist, dass der in den vergangenen 40 bis 50 Jahren auch in anderen Ländern beobachtete Anstieg kindlicher Hirntumoren (und grundsätzlich auch anderer Krebserkrankungsraten) mit veränderten Lebensgewohnheiten und Umweltbedingungen einhergehen kann.
Dr. Peter Kaatsch
Dt. Kinderkrebsregister
www.kinderkrebsregister.de
Bibliographischer Hinweis:
McNally RJO, Kelsey AM, Cairns DP, Taylor GM, Eden OB, Birch JM. Temporal increases in the incidence of childhood solid tumors seen in Northwest England (1954-1998) are likely to be real. Cancer 2001; 92: 1967-1976.