Onko-kids-online

Ein Projekt für krebskranke Kinder und Jugendliche

Mein Name ist Tanja, ich bin 18 Jahre alt und bin im Juni 1990 an einem Osteosarkom am Oberschenkel erkrankt.

 

1. Alles begann damit, daß ich Mitte Juni 1990 eine Schwellung am Oberschenkel bemerkte; da ich keine Schmerzen hatte, dachte ich, es sei nichts weiter als eine kleine Zerrung vom Kegeln.
Doch als diese scheinbare Zerrung 2 Wochen später kein bißchen zurückgegangen war, war es höchste Zeit für mich, zum Hausarzt zu gehen. Mein Hausarzt untersuchte mich genauestens und schickte mich sicherheitshalber sofort ins Krankenhaus zum Röntgen.
Dort mußten wir (mein Vater und ich) erst einmal total lang warten, bis wir endlich aufgerufen wurden.
Der Professor tastete meine Schwellung genau ab, und noch bevor ich geröntgt wurde, diagnostizierte er einen Tumor, in den meisten Fällen bösartig, wie er sagte.
Ich war total geschockt, mir wurde schwarz vor Augen.
Er erzählte etwas über Operation und Therapie. Ich begriff nicht und wollte auch gar nicht begreifen.
Habe ich etwa Krebs, das kann doch nicht sein, Krebs bekommen doch nur alte Leute, und es geht mir doch gut.
Natürlich wußte ich, daß auch kleine Kinder Krebs bekommen können, aber ich doch nicht.
Damals wollte ich mich überhaupt nicht mit dieser Krankheit auseinandersetzen, denn für mich war völlig klar, daß ich kerngesund war.
So liefen das Aufklärungsgespräch und die einzelnen Untersuchungen wie in einem schlechten Film an mir vorbei.
Als ich das erste Mal auf die Kinder-Krebs-Station kam, war ich ziemlich geschockt, als ich die vielen haarlosen Kinder sah, doch auch da bildete ich mir ein, unmöglich dazuzugehören.
Nach der Biopsie dauerte es dann auch tatsächlich ziemlich lange, bis das Untersuchungsergebnis da war. Ganze 3 Wochen dauerte diese Unsicherheit an, ich lebte zwischen Angst und Hoffnung. Trotzdem versuchte ich ständig, diese Krankheit zu verdrängen, ich wollte nichts mehr wissen von dieser Krankenhauswelt, sondern so schnell wie möglich wieder ein ganz normales Leben führen.
Doch nach diesen 3 Wochen kam das niederschmetternde Ergebnis: Es war also doch bösartig. Eine Welt brach für mich zusammen.
2. Anfangsphase der Behandlung
Es wurde entschieden, ob man in meinem Fall zuerst operiert oder gleich mit der Chemotherapie beginnt.
Die Ärzte entschieden sich für die „Chemo", und es war mir recht, denn vor der Operation hatte ich ziemlich Angst, und ich dachte mir, daß die Therapie bestimmt nicht so schlimm ist. Doch gerade die erste Chemo war auch die schlimmste. Ich mußte am laufenden Band kotzen, und die Haare gingen mir auch schon nach 10 Tagen aus.
Ich hatte schon ca. 10 kg abgenommen und konnte einfach nichts essen, deshalb drängte mich meine Familie dazu, vor allem meine Mutter nervte mich etwa jede Stunde mit Brei und Süppchen. Das hat eigentlich gar nichts gebracht, denn ich sträubte mich schon innerlich so gegen jegliche Nahrungsaufnahme, daß ich gleich schon wieder spucken mußte.
Ca. einen Monat später wurde ich operiert. Natürlich hatte ich Angst vor der Operation, vor allem davor, wie weiträumig man operieren mußte.
Doch als ich nach der Operation die Nachricht bekam, man sei auf beiden Seiten ins gesunde Gewebe gekommen, war ich total erleichtert. Ehrlich gesagt überlegte ich mir, wozu ich überhaupt noch Chemo machen sollte. Doch diese Entscheidung überließ man mir überhaupt nicht. Es war schrecklich für mich, wenn über meinen Körper entschieden wurde, ich fühlte mich irgendwie übergangen, obwohl ich natürlich schon wußte, daß diese Therapie für mich lebensnotwendig war.
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die Ärzte mich mehr in ihre Entscheidungen einbezogen hätten, es wäre mir bestimmt leichter gefallen, mich für die Therapie zu entscheiden.
Geholfen hat mir während der Therapie die Abwechslung, die ich vor allem in den Chemo-Pausen zu Hause hatte, das heißt, Besuch von Freunden und Bekannten, mit denen ich ganz belanglos reden konnte. Dabei war ich immer froh, wenn mich meine Freunde wie einen ganz normalen Menschen behandelten und mich nicht mit Mitleidsmiene betrachteten. Sehr hilfreich für mich waren Jugendliche, die in derselben Lage waren wie ich. Mit ihnen konnte ich teilweise sehr gut über die Krankheit reden, und ich merkte, nicht allein mit meinen Problemen zu sein.
Auch Gespräche mit Psychologen und Sozialarbeitern halfen mir, mich nun doch mit der Krankheit etwas auseinanderzusetzen.
Zu guter Letzt war der Schulunterricht sowohl im "Olgäle" als auch zu Hause eine willkommene Abwechslung zu meinem eintönigen Krankenhausdasein.
Das Schlimmste während meiner Krankheitszeit waren eindeutig die Chemotherapien mit all ihren Nebenwirkungen. Wobei das ständige "Kotzen" bzw. Erbrechen wohl das schlimmste war.
Da ich alle Chemos über die Venen bekam, weil ich am Anfang einen Port ablehnte, wurde ich pro Chemo so zwischen drei- und sechsmal gestupft, was sich mit der Zeit echt zum Psychostreß ausdehnte, denn ich hatte kaum noch gute Venen.
Da ich vor jeder Chemo wußte, was wieder auf mich zukam, wurde die Angst davor immer schlimmer.
Schlimm war auch, daß ich durch meine Operation total auf meine Eltern angewiesen war und vorübergehend sogar im Rollstuhl sitzen mußte. Überhaupt war diese Unselbständigkeit furchtbar.
Traurig war, daß sich viele Freunde, vor allem von meiner Klasse, total zurückgezogen haben.
Am meisten genervt haben mich neugierige, sensationsbedürftige Besucher, die alles haarklein wissen wollten und womöglich noch von ihren eigenen gesundheitlichen Problemen erzählten.
Auch Bekannte, die einem gesundheitliche Tips geben wollten, haben nicht nur mich, sondern auch meine Mutter kräftig genervt.
3. Behandlung bis zum Schluß
Je mehr Therapien ich überstanden hatte, desto weniger Durchhaltevermögen hatte ich.
Als ich dann auch noch Mitte Januar 1991 erfuhr, daß noch weitere 6 Chemos geplant waren, war ich völlig am Boden zerstört.
Ich wollte einfach nicht mehr. Doch irgendwie habe ich mich dann doch dazu durchgerungen, und dank Zofran war es nicht mehr ganz so schlimm wie bei den ersten Chemos.
Für meine Familie war es oft schlimmer als für mich selbst. Sie sahen mich leiden und konnten rein gar nichts dagegen tun. Doch ich war immer froh, wenn meine Mutter während der Chemo da war, auch wenn ich nur so vor mich hin döste, war ich beruhigt, daß jemand bei mir war.
4. Nach der Behandlung
Körperlich erholte ich mich rasch von der Chemo, die Anfang April endete. Schon nach 1 1/2 Monaten hatte ich wieder mein Normalgewicht und meine Haare wuchsen auch wieder.
Doch ich wollte zuerst einmal überhaupt nichts vom Olgäle wissen und möglichst viel Abstand zum Krankenhaus und zur Krankheit gewinnen.
Zu Nachuntersuchungen ging ich mit Widerwillen, und vor jedem Röntgenbildergebnis hatte ich panische Angst.
Langsam begann für mich wieder das alltägliche Leben. Ich löste mich wieder etwas mehr von zu Hause und gewann in meiner neuen Klasse Freunde.
Meine Mutter hatte um mich mehr Angst denn je und wollte mich überhaupt nicht alleine weglassen. Doch ich erklärte ihr, daß ich viel nachholen müsse, und ging dann aber doch mit einem leichten Gefühl der Undankbarkeit meiner Mutter gegenüber aus dem Haus.
Im August 92 durfte ich mit anderen Jugendlichen der K1 in das Camp Good Days in Amerika. Das war ein tolles Erlebnis für uns alle, und wir freuen uns, daß auch dieses Jahr wieder Jugendliche das Camp besuchen dürfen.
5. Wie lebe ich heute
Heute gehe ich wieder gerne zu Nachuntersuchungen, weil ich immer viele nette Leute treffe.
Auch die Angst davor hat sich gelegt, denn es hat gar keinen Wert, sich deswegen verrückt zu machen.
Es macht mir auch nichts mehr aus, auf die Kinder-Krebs-Station zu gehen, denn heute weiß ich, daß mir diese Station mit all ihren Schikanen geholfen hat.
Im Juni wird vom Olgäle aus eine Freizeit, genannt "Prima Klima", stattfinden, bei der ich als Betreuerin dabeisein werde, und in den Sommerferien werde ich mit Doro und 2 anderen Jugendlichen in Kur auf die Katharinenhöhe fahren.
Ansonsten gehe ich noch zur Schule und möchte irgendwann mal Psychologie studieren.
zum Anfang
Texte aus dem Buch 'Leben will ich jeden Tag'
von Heide Häberle und Dietrich Niethammer
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Herder Verlages