Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

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reante
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Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

Beitragvon reante » 27.04.2008, 15:56

Hier zuerst ein Gedicht von mir persönlich, das ich allen Kindern widme,
die irgendwo auf der Welt gegen eine schwere Krankheit kämpfen, insbesondere
aber auch all jenen, die es trotz aller Kraft und allem Mut nicht geschafft
haben, unter anderem mein Patenkind Lukas.


KINDERKREBSSTATION
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°


Nirgends sonst
habe ich soviel Kummer, Schmerz und Ohnmacht
mitgetragen und durchlebt
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
verspürte ich Hass - und Ungerechtigkeitsgefühle intensiver in mir
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
haben Kinderaugen eine deutlichere Sprache gesprochen
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
war mir ein vollkommen reglos im Bett liegendes Kind unheimlicher
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
gingen mir die Schreie von Kindern so sehr durch Mark und Bein
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
sah ich mehr spuckende Kinder, mehr kahle Köpfe und blaue Flecken, mehr piepende
IVAC's und bandagierte Hände
als auf der Kinderkrebsstation.

DOCH nirgends sonst
habe ich großartigere Menschen kennen gelernt
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
war der Umgang zwischen Personal und Betroffenen so offen
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
herrschte eine größere Lebenslust und Zuversicht
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
kam das Lachen so tief aus der Seele
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
war die Hoffnung so greifbar
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
gab es so einen starken Zusammenhalt
zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
wurden so viele Regenbögen gemalt
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
habe ich das "TROTZDEM" so intensiv erlebt
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
konnte ich schlaflose Nächte besser nutzen
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
gingen Kinder behutsamer und toleranter miteinander um
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
habe ich weisere Kinder getroffen
und das Ausmaß wahrer Tapferkeit besser verstanden
als auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
wurden so tiefe Freundschaften geschlossen
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
habe ich mich auch "fremden" Kindern und Eltern so verbunden gefühlt
wie auf der Kinderkrebsstation.

Nirgends sonst
als auf der Kinderkrebsstation
habe ich mein Leben wieder lieben gelernt.

Copyright by Beatrice Pfister (1994)

(gewidmet an alle krebskranken Kinder, deren Angehörigen und Pflegerinnen auf der ganzen Welt, insbesondere geschrieben im Andenken an: Lukas Hürlimann, Gülsen Aygül, Fouzi Hadboun, Manja Gajic, Daniela Rieger, Philipp Zahner, Patricia Mossmann, Fabio Schai, Philipp Egger, Michel Antonio Nobile, Micky Stielicke, Birgit Lehmann, Martina Rother, Antje Wittmeier, Bettina Bischoff, Julia Geeck, Yagmur Ögüt, Catrin Feinler, Simone Häusser, Michi Hahn, Nick Zalaman, Michel Thoma, Thomas Ammann, Sven Bohnensberger, Marianne Stehle, Michael Weik, Bea Zuppiger, Christina Merkel, Sonja Ochsner, Patrick Lutziger, Gabriel Lüber, Stefanie Wietlisbach, Pascal Brägger, Jenni Cranen)

Bär91
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Re: Gedichte

Beitragvon Bär91 » 11.03.2009, 19:18

Hallo allesamt,
hier ist ein Gedicht von mir, was ich kürzlich
zum gedenken an meinen jetzt schon vor 12 Jahren von
dieser Welt gegangenen Freund Christian geschrieben habe.



Ohne Dich

Ohne Dich, mein Freund,
wüsste ich nicht,
wie gute Freunde
Rennbahn spielen.

Wüsste ich nicht,
wie sie radeln, baden
und jede Menge Spaß haben.

Ohne Dich, mein Freund,
wüsste ich nicht,
was mitsorgen,
mithoffen,
mitleiden heißt.

Und vor allem nicht,
was wahre Freundschaft bedeutet.

Beatrice
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Re: Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

Beitragvon Beatrice » 05.01.2012, 23:40

Cordulas Gedichte

Cordula ist im Alter von 15 Jahren an Morbus Hodgkin erkrankt. Als Ventil
und Kommunikationsmöglichkeit, aber auch zur Verarbeitung ihrer Erfahrungen
hat sie Gedichte geschrieben und diese auch öfter in der Klinikrundschau
(einer Zeitschrift für die Kinder und Jugendlichen in der Tübinger Kinderklinik)
veröffentlicht.
Cordulas Traum, Musiklehrerin zu werden, platzte nach der Beendigung der
Chemo jäh und eine Weile schien ihr das eigene Leben durch den Krebs verpfuscht.
Aber sie gab nicht auf, kämpfte um ihren Platz im Leben wie auch auf dem
Arbeitsmarkt. Heute ist sie 32 Jahre alt, hat einen sozialen Beruf, einen
Mann UND sie bekam im März 2006 ein Baby.
Cordula ist mit der Veröffentlichung ihrer Gedichte hier bei Onko-Kids einverstanden
und wünscht allen heute betroffenen Kids viel Kraft, Mut und Hoffnung.


Krebs
°°°°°°°

Krebs - Bis ich begriff, dass ICH damit
gemeint war, dass ICH Krebs habe,
dauerte es sehr lange.
Mir war das gar nicht sofort klar.
Nachdem mir in der Kinderklinik gesagt
worden war, was diese Knubbel in
meinem Körper waren,
kam ich nach Hause und sagte freundlich
lächelnd zu meinen Geschwistern:
„Wisst Ihr, was der gesagt hat?
Dass ich Krebs habe!“
Einige Tage später bekam ich zu spüren,
was das ist -
nein, eigentlich bekam ich nur zu spüren,
was Chemotherapie ist.
Alles war nun so anders
Schule, Lernen, Üben war so weit weg.
Der ganze Tagesablauf drehte sich
um Spritzen, Tabletten, Blutwerte,
und ich war stundenlang damit beschäftigt,
ja nicht eine falsche Bewegung zu machen,
die ein erneutes Erbrechen hervorrufen könnte.
Aber nach ein paar Monaten,
wo die Therapie und damit das für
bisher am schlimmsten geglaubte
überstanden war,
musste ich etwas erkennen,
was noch viel mehr weh tat:
Mein Traum, meine Zukunftspläne
waren durch dieses eine Wort ?Krebs?
zerstört.
Geige zu studieren, Musiklehrerin zu werden,
das war mein Ziel gewesen.
Nun, nach fast einem Jahr Geigenpause,
muss ich wieder bei Null anfangen.
Mein Finger zittern, ich habe sie nicht
unter Kontrolle.
Ich spüre die Saite kaum,
meine Reaktionsfähigkeit ist viel zu langsam.
So habe ich mir das nicht vorgestellt!
Soll alles, was ich mir erarbeitet habe,
umsonst gewesen sein?
Ist einfach alles ausgelöscht?
Warum habe ich diese Krankheit bekommen?
Und warum hat der Krebs solche Macht?

Ein Traum,
der wie eine schillernde Seifenblase
zerplatzt.

Cordula Dold
/ Jahreswechsel 1990/91
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Für Bettina
°°°°°°°°°°°°°

Du lagst mit mir im Zimmer und
bekamst zum 1. Mal Chemo,
wie ich auch
Du hattest unter den vielen Glatzköpfigen
Haare, wie ich auch
Für Dich war alles neu,
für mich auch
Du hattest Angst,
ich auch
Du konntest Deine Krankheit nicht einordnen,
ich auch nicht.
Doch wir lernten gemeinsam, mit dem
Krebs und der Behandlung umzugehen.
Wir bekamen gemeinsam Adriblastin, Endoxan
und wir reichten uns abwechselnd die Nierenschale.
Du hast geweint, geschrien, Dich dagegen
gewehrt.
Du hast Deine Angst und Wut herausgeschrien
- und Dein Kampf gegen den Krebs begann.
Du warst manchmal gegen Dich, die anderen
und den Krebs kratzbürstig,
oh, ich konnte Dich so gut verstehen!
Du hast eine Art gehabt, Deine Krankheit
nicht einfach HINzunehmen, aber sie
Anzunehmen.
Kurz nach mir wurde Deine Therapie beendet,
wir gingen wieder zur Schule,
wir hatten beide mit häufigen Erkältungen
zu kämpfen
doch uns ging es gut - wir LEBTEN!
Dann kam die schockierende Nachricht
bei Dir:
Rezidiv!
Wie hast Du dich dabei gefühlt?
Du konntest besser damit umgehen als wir,
die um Dich herum waren.
Du hast uns aufgebaut, uns geholfen,
aber sollten nicht wir Dir helfen?
Warum musstest Du sterben?
Ist das nicht ungerecht?
Warum Du?
Warum wurde Dir nicht so leicht das
Leben gegeben wie mir?
Warum konnte mir die Medizin helfen
und Dir nicht?
Das kann nicht wahr sein!
Ich will es nicht glauben!
Nie wieder wirst Du an der Hand Deines
Opas auf mich zukommen!
Werde ich es jemals akzeptieren können?
Nein, das vielleicht nicht - aber ich kann
Dich in mir weiterleben lassen!

Cordula Dold / 26.09.1992
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Der Traum
°°°°°°°°°°°°°

Ein Hustenanfall, der nicht aufhören mag,
danach fühle ich mich schlapp und leer.
Juckreiz im Gesicht, am Hals, am
ganzen Körper
Plötzlich ein Knubbel am Schlüsselbein -
nein, kein Knubbel - eine faustdicke Schwellung
Die Schwellung wächst und wächst
Eine Allergie? Mumps? Pfeiffersches Drüsenfieber?
Achselzucken und ratlose Blicke des Arztes
Mir geht es nicht schlechter als sonst,
die Schwellung tut nicht weh ?
es kann nichts Schlimmes sein!
Noch ein Arzt, noch mal Untersuchungen
Fragen, Abtasten, Untersuchungen, besorgte Blicke -
keine Ratlosigkeit mehr, kein Unwissen,
auch keine Gefühle mehr,
Ernste Mienen! „Es ist keine Zeit mehr zu
verlieren!“
Operation, Schmerzen.
Drei Lymphome wurden entfernt.
Was ist ein Lymphom?
Grinsende, abwartende, neugierige Ärzte ?
Wie reagiert das junge Mädchen?
Keine Reaktion.

Neue Klinik, neue Ärzte, neue Untersuchungen.
Knallharte und doch vertrauensvolle,
schutzgebende, angstnehmende Blicke:
„Du hast Krebs!“
„Nein!“
Ich habe Angst, bin gelähmt vor Angst -
es ist Nacht, ich liege im Bett
Es war ein Traum -
ein Traum, der vor drei Jahren
Wirklichkeit war!


Cordula Dold, 11.01.1993 , 0:18 Uhr
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Dagegen
°°°°°°°°°°

Ich habe es Euch gezeigt!
Entgegen allen Aussagen, Vermutungen, Prognosen.
Ich habe es geschafft und Euch bewiesen!

Als meine Diagnose - der Krebs - bekannt wurde,
gaben mir meine Umgebung, meine Mitmenschen,
nicht mehr viel Zeit.
Ein junges Mädchen erkrankt an Krebs -
welche Sensation, wie schrecklich!
Entgegen allen Gerüchten konnte ich mit Glatze
Fahrradfahren, Tischtennis spielen, Spazierengehen
und fröhlich sein.
Ich habe allen bewiesen,
dass man durch solch eine Krankheit
weder zum körperlichen noch zum seelischen
Krüppel werden muss.
Ich zeige Euch, dass es mir gut geht,
dass man sein Leben aktiv leben kann
und dass man sein Leben geniessen kann.
Entgegen allen Befürchtungen
habe ich es geschafft, ungeahnte Kräfte zu entwickeln,
durch die ich meine Vorhaben zielstrebig angehen kann.
Den Lehrern in der Schule habe ich bewiesen,
dass man mit Willen die versäumte Zeit
nachholen kann, ohne ein Schuljahr zu verlieren.
Ich habe ihnen bewiesen,
dass ich nicht aus Faulheit oder Spass
in der Schule fehle,
dass ich nicht immer durch meine Krankheit
aus der Reihe tanze und Sonderregelungen brauche,
und dass ich trotz Schule und unverständigen
Lehrern umfangreiche Freizeitaktivitäten
betreiben kann.

Ich habe es Euch gezeigt,
habe es geschafft,
entgegen allen Aussagen.
Doch immer muss ich gegen den Strom schwimmen.

Cordula Dold, Mai 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Gefühle im Laufe einer Krebstherapie
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Angst vor dem Tropf
Angst vor der Übelkeit und Spuckerei
Angst vor Magenkrämpfen
Angst vor Durchfall
Angst vor zitternden Händen vom Vincristin
Angst vor unbändigem Hunger vom Decortin
Angst vor dem Tablettennehmen
Angst vor aufplatzenden Mundschleimhäuten und blauem Mund
Angst vor wenigen Leukos und Fieber
Angst sich eine Grippe einzufangen
Angst vor schlaflosen Nächten
Angst vor dem grossen Bestrahlungsapparat
Angst allein auf dem Bestrahlungstisch zu liegen
Angst vor den Bleiblöcken bei den Bestrahlungen
Angst wegen den Bestrahlungsfeldern im Gesicht und am Hals ausgelacht zu
werden
Angst vor dummen Sprüchen auf der Strasse
Angst nicht verstanden zu werden
Angst nicht mehr in die alte Klasse zu können
Angst Freunde zu verlieren
Angst, dass mir die Therapie nicht helfen kann
Angst vor dem Tod
Und all diese Ängste, weil man nun nicht mehr nur von der Krankheit Krebs
hört,
sondern weil man sie hat.

(Mit diesem Text möchte ich nicht sagen, dass die ganze Behandlung schrecklich
war. Nein, ich habe während der Chemo und den Bestrahlungen sehr viel Schönes
erlebt.
Doch die Ängste waren da und sind teilweise geblieben.)

Cordula Dold
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Meine Krankheit
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Ich habe meinen Krebs besiegt.
Und nun? Wie geht es weiter?
Ich gehe voller Tatendrang in mein neues Leben,
möchte alles Versäumte nachholen,
doch habe ich überhaupt etwas verpasst?
Habe ich in dieser Zeit der Qualen nicht viel mehr erlebt,
nicht viel mehr gelernt als alle andern?
Ich wurde durch den Krebs nicht aus dem Leben geworfen- nein,
ich stehe mit beiden Beinen in meinem neu gewonnenen Leben.
Ich habe zu leben gelernt,
nicht nach einem Muster.
Ich nehme jeden Tag wie er kommt,
koste ihn aus,
lebe ihn bis er zu Ende geht intensiv.
Und wenn der Krebs wiederkommen
und mich bezwingen sollte,
habe ich MEIN Leben gelebt,
und ohne grosse Reisen oder Abenteuer,
ein erfülltes und mir zugeschriebenes Leben gehabt.
Ich werde nie denken,
ich hatte weniger Zeit zu leben
als andere.

Cordula Dold
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Begegnungen
°°°°°°°°°°°°°°°
1.

Wumms - trifft mich ein Ball am Kopf.
Ich befinde mich im Schlafsaal eines Sprachheilkindergartens und soll mit
zwei Zivis, von denen übrigens der Ball kam, 25 - 30 Kinder beaufsichtigen.
Wenn es im Schlafsaal allmählich ruhiger wird, besinnen sich auch die Zivis
ihrer Würde, und ich werde nur noch verbal attackiert. Es kommen aber zuweilen
sogar vernünftige Gespräche zustande.
Eine Begegnung auf der Fensterbank: Mein Geldbeutel wird von einem der beiden
Zivis inspiziert,- weil Mädchengeldbeutel immer interessant sind-. Geld,
Telefonkarte, Fotos , Adressen werden genau kommentiert. Die Adresse eines
Jungen wird gefunden.
„Aha, was haben wir denn da? Ist das dein Freund?“
„Ach der. Nee, nee, die Adresse ist veraltet. Der lebt gar nicht mehr.“
„ Oh....“
“Na ja, der hatte halt auch Krebs, den hat’s nur früher erwischt.“
-Kurzes Schweigen-
„Wie ist das denn bei dir? Bist du nun für immer gesund? Du bist doch völlig
normal.“
„Na, das will ich auch schwer hoffen! Das kann man noch nicht gut sagen,
ob ich für immer und ewig gesund bin. Jetzt heisst es erst mal WARTEN. Die
nächsten fünf Jahre muss ich überstehen.“
„Hmmh. Tolle Situation mit schönen Aussichten, was?“
„Schon, aber sieht eigentlich echt gut aus.“
„Und wie gehste damit um?“
„Ich denke inzwischen relativ wenig dran, wäre ja auch blöd. Aber manchmal,
da gibt’s so Tage, da bin ich nur am Grübeln und voll mies drauf.“
„Was denkste denn dann über so Leute wie mich z.B., denen es immer gut geht
und die von dem allem keine Ahnung haben, nur von dir jetzt?“
„Da kannst du doch nichts dafür! Schliesslich hatte ich früher auch keinen
blassen Schimmer von Krebs. Aber ich finde es super von dir, dass du, obwohl
du mich erst vier oder fünf Tage persönlich kennst und von meiner Krankheit
nur von Erzählungen meines Bruders erfuhrst, also, dass du trotzdem so offen
und ehrlich danach fragst.
Das kann nicht jeder.“

2.

Ich stehe vor dem Lehrerzimmer unserer Schule. Das Gebäude ist ruhig wie
nie.
Der Grund: das mündliche Abitur. Bis Klasse 11 haben alle Schüler schulfrei,
nur ich verbringe meine Zeit wegen Klassensprecher-Geschäften in der Schule.
Eine Begegnung mit einer Lehrerin, die mich in der 5. und 6. Klasse um Unterricht
hatte:
„Ach Cordula, wie geht es Ihnen?“
„Danke, ich bin zufrieden.“
„Ich wollte Sie schon immer fragen, aber es ist ja so schrecklich, so furchtbar,
diese....., diese Krankheit.“
„Es geht eigentlich nur aufwärts.“
„Ach nein, ach nein. Sie sassen bei mir immer so fröhlich mit roten Bäckchen
und richtig gesund im Unterricht! Wie konnten Sie nur solch eine schreckliche
Krankheit bekommen!?“
?.....?
„Sind denn die Ärzte mit Ihnen zufrieden? Ist alles in Ordnung?“
„Ja, soweit das eben geht.“
„Ja natürlich, soweit man eben wieder gesund werden kann. Wie oft müssen
Sie denn noch nach Tübingen?“
„Nur alle drei Monate.“
„Und in der Schule, kommen Sie auch gut mit?“
„Ja, ja, das geht gut. Nur fehle ich noch öfters.“
„Natürlich. Das ist aber auch eine grosse Belastung. Bestimmt psychisch
auch sehr schwer zu verkraften.?“
„Hmmh...“
„Und falls Sie mal Hilfe brauchen, können Sie jederzeit zu mir kommen und
sich aussprechen.“
„Ja, ja, bestimmt. Vielen Dank auch.......“


Miterlebt und aufgezeichnet von Cordula Dold.

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Re: Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

Beitragvon Beatrice » 05.01.2012, 23:44

Gedichte von Michaela Hahn, genannt Michi

Ich kannte auch ein junges Mädchen aus Löhnberg, welches ebenfalls an Krebs
(PNET) erkrankt war und Gedichte schrieb. Sie kann ich nicht mehr fragen,
ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden ist, aber ich bin mir sicher,
dass es Michi enorm freuen würde, einen Teil ihrer Gedichte im Internet zu
wissen. Begeistert schrieb sie immer wieder Beiträge für die „Klipi“ (Klinikpille-Zeitschrift
von und für Kinder und Jugendliche der Univ. Kinderklinik Giessen). Michaela
Hahn war 18 Jahre alt, als sie im Sommer 1993 starb.


Die Strasse
°°°°°°°°°°°°°
Ich gehe auf einer langen Strasse,
sie ist nicht immer grade,
macht ab und zu eine Kurve,
führt mich manchmal im Kreis.
Doch ich gehe nicht allein,
Gedanken, Hoffnung, Trauer, Wissen,
Enttäuschung, Erlebnisse, Tränen, Freude,
Arbeit, Liebe und Leid begleiten mich.
Ich gehe auf einer langen Strasse,
doch sie ist nicht endlos,
irgendwann endet sie.
Doch bis dahin will ich jeden Zentimeter dieser Strasse kennenlernen.
Ich will überholen, Unfälle bauen, mal Geisterfahrer sein,
durch Schlaglöcher fahren, bergauf gehen, das Tempo überschreiten,
im Stau stehen, falsch parken,
eine Panne haben, der Schnellste sein.
Ich gehe auf einer langen Strasse,
Meinem Leben.

Michi Hahn, Giessen 1991
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Tausend Gedanken
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Schon wieder lieg ich hier und denke nach,
mein Kopf der brummt, und es lässt nicht nach.
Tausend Gedanken schwirren im Kopf umher,
warum ist denn alles nur so schwer?
Restbestände sind noch da,
und ich dachte, es wäre alles wunderbar.
5 Chemos noch, dann hätt’ ich’s gepackt,
und wieder die Hoffnung zerstört wie nen alten Sack.
Bekomme jetzt zusätzlich neue Medikamente und die Pausen werden verkürzt,
trotzdem die Angst, ich bin sehr bestürzt.
Hoffentlich geht von der Chemo jetzt alles weg,
will ihn endlich loswerden, diesen blöden Dreck.
Warum kann nicht alles wieder gut werden,
nicht andauernd wieder neue Beschwerden.
Will die Angst endlich los sein, doch gebe die Hoffnung nicht auf,
Ich will wieder gesund werden, dafür nehm’ ich alles in Kauf.

Michi Hahn, Giessen, 15. März 1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Sabrina
°°°°°°°°°

Du warst das, was ich bewundernswert nenne,
und alle, die Dich kannten hatten Dich gern,
mit Deinen knapp 10 Jahren warst Du den andern so fern.
Als ich Dich das erste Mal am Tisch sitzen sah, da hast Du gelacht,
und ich habe mir so meine Gedanken gemacht.
Trotz Krankheit warst Du einfach enorm,
und immer, wenn’s Dir gut ging, fantastisch in Form.
Wir haben viel zusammen gekotzt und gelacht,
und uns gegenseitig Mut gemacht.
Dein Vater und meine Mutter waren stets immer da,
das fanden wir zwei einfach wunderbar.
Die sind dann geflitzt, gerannt und gewetzt,
und haben die Kotzschalen uns angesetzt.
Als die Chemo dann war um,
lachten wir zwei uns dann wieder krumm,
nervten die Schwestern, die Ärzte und Eltern,
die wünschten sich dann es wäre wieder so ruhig wie gestern,
denn da haben sie uns mit Valium abgeschossen,
dann waren wir still und die andern genossen.
Als unsere Therapie dann war vorbei,
dachten wir zwei, wir wären endlich frei,
nie mehr Gummiwindpocken, kein Kotzen, keine Chemos mehr,
und doch nach kurzem Aufblühen war das Leben wieder leer.
Du bekamst einen Rückfall und musstest zurück,
doch bei dieser Therapie hattest Du leider kein Glück.
Du hast uns verlassen, zurück blieb nur Schmerz,
doch der sitzt tief drin in unserem Herz.
6 Monate ist das nun schon wieder her,
auch ich lieg wieder hier, aber Glück habe ich etwas mehr.
Denke sehr oft an Dich und Dein Mut gibt mir Kraft,
und ich hoffe, ich habe alles bald geschafft.
Ich vergesse Dich nie, das weiss ich genau,
auch wenn ich mal bin eine alte Frau.

Michaela Hahn, Giessen, 15.März 1993
Gewidmet an Sabrina Rohletter
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Angst
°°°°°°
Morgen ist es wieder mal so weit,
eine Woche bin ich breit.
Wenn ich dran denk, wird mir schon schlecht,
wer dieses Gefühl kennt gibt mir recht.
5 Therapien hab ich noch vor mir,
ich wünschte mir sehr, sie wären schon hinter mir.
Trotzdem darf ich nicht verzagen,
muss weiter neue Schritte wagen.
Kann nur glücklich sein, dass ich meine Mutter hab,
denn die hält mich in dieser Zeit auf Trab.
Sie ist stets für mich da, das weiss ich genau,
sie ist einfach eine tolle Frau.
Hoffentlich geht diese Woche schnell rum,
denn umso schneller ist diese Therapie-Scheisse um.
Dann fang ich richtig an zu leben,
und werde meinen Träumen entgegen streben.
Möchte nie wieder so krank werden,
aus Angst, ich könnte daran sterben.
Auch wenn es eine Erlösung ist,
ich weiss, ich werde sehr vermisst.

Löhnberg, den 14.03.1993
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Zweifel
°°°°°°°°°
Ausgebrannt, gefühlsleer, aufgegeben,
so finde ich im Moment mein Leben.
Hoffen, Bangen, Lachen,
so versuche ich die Therapie durchzumachen.
Plötzlich alles zerstört,
meine Gefühle und Ängste überhört,
immer zurück gedrängt und niemals verzagen,
immer neue Schritte wagen.
Doch die Welt ist so grausam und ungerecht dazu,
aber warum das so ist, das lässt mir keine Ruh.
Die Gedanken so durcheinander, bin total wirr,
als diese Angst, dass ich diesen Kampf verlier.
Wieder neuer Mut, ich packe das schon,
doch irgendwo in diesem Satz dieser Hohn.
Als diese Zweifel, immer wieder einen drauf,
wofür nehm’ ich diese Scheisse überhaupt in Kauf.
Ich will es einfach packen, das kann doch noch nicht alles sein,
das alles will in meinen Kopf einfach nicht rein.
Muss doch noch so viel erleben,
kann mein Leben doch nicht einfach aufgeben.
Darf mich nicht unterkriegen lassen,
und trotzdem ist alles kaum zu fassen.
Muss das jetzt in den Griff bekommen,
fühle mich total benommen.
Bloss nicht aufgeben, die Zukunft positiv sehen,
einfach nur leben und versuchen, das alles zu verstehen.

Michi Hahn, Löhnberg den 3.April 1993
Gewidmet an alle, die meine Gedanken verstehen.
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°

Gefühle
°°°°°°°°°

Lieg nun hier und träum von Dir,
kannst Du mir sagen: was soll ich hier?
Lieg in meinem Bett,
vor meinem Kopf ein Brett.
Ein Brett, das Müdigkeit, Einsamkeit, Sehnsucht heisst,
bin allein und hab Angst, dass die Angst mich zerreisst.
Draussen auf dem Flur da wird getobt und gelacht,
kleine Kinder, denen man Mut gemacht.
Sie haben keine Ahnung von der Wirklichkeit,
keine Ahnung, was abgeht, keine Ahnung von der Grausamkeit,
die täglich an uns vorüberzieht.
Irgendwie geht es mir nicht gut,
doch ich habe Freunde, die machen mir Mut.

Und wieder eine Chemo, die mir helfen soll,
schon wieder wird’s mir doll.
Die Schwester kommt, spritzt mir Valium ein,
dann geht’s mir besser - ich schlafe ein
und kann im Land der Träume sein.
Oft ist mir schlecht, ich muss mich übergeben,
doch ich weiss, wenn endlich alles vorbei ist, dann beginnt mein Leben.
Ich weiss, dass es bald aufwärts geht
und dann ein leuchtender Stern am Himmel steht.
Ich habe Angst und trotzdem auch den Mut,
nicht aufzugeben, weiterzumachen,
dann geht’s mir bald wieder gut!

Michaela Hahn, Station Peiper in der Kinderklinik Giessen

Beatrice
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Re: Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

Beitragvon Beatrice » 05.01.2012, 23:48

Astrid Willemsens Gedichte

Im lang vergriffenen Buch(Petra Kelly- Viel Liebe gegen Schmerzen-Krebs bei Kindern/ Rowohlt Verlag 1986/ ISBN 3-499-15912-0)
fand ich Astrids Gedichte und ich finde sie zu schade zum Vergessen, weil sie auch heute noch kranken Kindern und Jugendlichen helfen können. Darum schreibe ich sie hier hinein. Ich denke mir, Astrid wäre einverstanden.

Astrid hat in dem Buch selber ein Vorwort zu ihren Gedichten geschrieben:
"Ich bin im Oktober 1981 mit 13 Jahren an Leukämie erkrankt und habe die Behandlung in der Uniklinik Münster durchgemacht. Nun bin ich geheilt und kann wieder alles machen, was andere 17jährige auch tun. Ich treibe Sport, gehe feiern, habe aber auch des öfteren besinnliche Stunden, denn die Zeit damals hat sich so stark in mir verwurzelt, dass ich noch oft darüber nachdenke und sogar Stoff für einige Gedichte bekomme.
Als ich letztens auf der Station der Uniklinik Münster war, war ich erstaunt, wie sich die Behandlungsmethoden schon wieder geändert haben. Ich denke, dass man auf dem Gebiet immer weiter vorankommen wird und immer neue Erkenntnisse erlangen wird.
Die folgenden Gedichte sollen zeigen, dass es meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt zum Sieg ist, Hoffnung und Mut zu haben, stark zu sein. Ich weiss, dass das manchmal sehr schwer ist, und ich glaube, dass es an einigen Gedichten auch deutlich wird, dass ich das Leid sehe und darüber nachdenke, zu helfen versuchen möchte. Trotzdem: Gibt man sich selbst auf, ist es auch für andere schwer zu helfen! Das Gedicht "Hilfsbereitschaft" macht dies meiner Meinung nach besonders deutlich."
Astrid Willemsen


Hilfsbereitschaft
************
Ich sah einen Menschen weinen
Und versuchte ihn aufzuheitern.
Ich sah einen Menschen verzweifeln
Und sprach mit ihm.
Ich sah einen Menschen leiden
Und gab ihm Mut.
Ich sah einen Menschen langsam sterben
Und kämpfte selbst umso mehr.

Ich sah einen Menschen aufgeben
Und konnte ihm nicht helfen.

Astrid Willemsen
---------------------------------------------------------------------------

Aber immer wieder
**************
Manchmal überkommt mich einfach Angst.
Manchmal könnte ich vor Glück schweben.

Manchmal brauche ich Trost.
Manchmal schenke ich Trost.

Manchmal habe ich Angst, jemanden zu verlieren.
Manchmal habe ich solche Gedanken gar nicht.

Manchmal denke ich über den Tod nach.
Manchmal lebe ich richtig auf.

Aber immer wieder
muss ich dankbar sein,
dass es Höhen und Tiefen gibt.

Astrid Willemsen
-----------------------------------------------------------------------

Todeskampf
*********
Zwei Rückfälle.
"Ich will nicht sterben:"
sagst Du.

Angst vor einem Dritten
"Gerade jetzt nicht"
sagst Du.

Gefahr, sterben zu müsssen.
"Manch einer sollte sich
ein grosses Stück von Deinem Mut
abschneiden."
sage ich

Astrid Willemsen

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Re: Gedichte von krebskranken Kindern und Jugendlichen

Beitragvon Beatrice » 05.01.2012, 23:53

Regina Herrgens Gedichte

Im selben Buch, in welchem Astrids Gedichte abgedruckt sind, gibt es auch die Gedichte von Regina Herrgen. Regina hatte nicht soviel Glück wie Astrid, sie konnte nicht geheilt werden. Sie hatte ein Ewing Sarkom im Rücken. 1979 hat man das gefunden, da war sie 15 Jahre alt und damals gab es einfach noch nicht die gleich guten Therapien wie heute. Nach einer schweren psychischen Krise begann Regina, ihre Gefühle in Gedichten zu verarbeiten. Sie hatte grosses Talent dazu und das Schreiben hat ihr geholfen. Schon damals wussten die Mitarbeiter der Kinderklinik Heidelberg, was kranken Kindern helfen kann auf der Gefühlsebene.

Rollstuhl-Leben
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Jeden Tag tanzen, das liebt sie so sehr,
jede Menge Jungen rannten hinter ihr her.
Es gab kein Leid in ihrem Leben,
niemals musste sie etwas geben.
Sie dachte an sich, und das war genug,
sie hatte doch alles, war hübsch und klug.
Sie sagte sich:
Was geht es mich an, wenn andere leiden,
es ist nun mal so und wird sich nicht ändern,
überall in allen Ländern.
Mit 15 hat es angefangen,
ihr Glitzerlicht-Leben, es war kaputt,
ihre Träume lagen in Asche und Schutt.
Sie bereut den Satz, den sie früher so liebte,
und merkte, wie sehr es sie betrübte,
wenn andere sagen:
Was geht es mich an, wenn andere leiden,
es ist nun mal so und wird sich nicht ändern,
überall in allen Ländern.
Nachts wacht sie auf, den Kopf voller Sorgen,
wie geht es weiter, gibt es ein Morgen?
Sie sitzt jetzt im Rollstuhl, ihr ganzes Leben,
Glitzerlicht wird es nie mehr geben,
und täglich stellen sich ihr die Fragen,
wie konnte ich es früher wagen,
diese Worte einfach so zu sagen:
Was geht es mich an, wenn andere leiden,
es ist nun mal so und wird sich nicht ändern,
überall in allen Ländern.

Regina Herrgen, 22.12.1980
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Glück?
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Was ist Glück auf dieser Welt?
Es gibt nur eins und das ist Geld.
Wir arbeiten und kaufen anstatt zu geben,
könnten wir nicht auch mit weniger leben?
Warum aber mit solchen Fragen sich plagen,
wir brauchen dringend' nen noch grösseren Wagen.
Die Meyers fahren dreimal in Urlaub oder vier,
dabei sind die auch nicht besser als wir.
Was die können, können wir schon lang,
bald machen wir sechsmal Urlaub im Jahr,
dann sind wir besser als Müllers sogar.
Und dann, wenn es zu Ende geht,
der Kreislauf kurz vorm Kollaps steht,
dann wissen wir, es ist ganz gleich,
ob man arm ist oder reich.
Im Grunde sind wir alle gleich.
Und mancher reiche Mann,
ist manchmal ärmer als der Ärmste dran.

Regina Herrgen, 1.1.1981
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Freitheitstraum
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Manchmal ist es wie ein Wahn
alles was er macht,
wirft ihn gleich wieder aus der Bahn.
Die Eltern motzen,
die Freundin weg,
er will raus aus diesem Dreck.
Er will sein eigenes Leben haben,
ohne Hektik, Stress und Gemotz,
eines Tages riss er aus zum Trotz.
Sollen sie suchen,
sollen sie fluchen,
mich finden sie nie.
Ich leb' mein Leben wie ich will,
meine Freitheit ist mehr wert
als Hektik, Stress und Drill.
Zwei Tage später ist er wieder zu Haus,
sie haben ihn gefunden, der Traum ist aus.
Der Vater motzt, die Mutter weint,
dauernd sagen sie dasselbe,
wir haben es doch nur gut gemeint.
Da platzt ihm der Kragen und er schreit,
lasst mich doch alle allein.
Ich will nicht so leben wie ihr, oh nein.
Ihr seid doch nicht zufrieden mit dem, was ihr tut,
ihr würdet gerne viel freier leben,
doch dazu fehlt euch nur der Mut.

Regina Herrgen, 16.1.1981
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Hochhaustod
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Sie ist wie alle, die hier wohnen, 'ne Nummer,
ist alleine mit Sorgen und Kummer.
Sie lebt ganz einfach und leise vor sich hin,
hat so ein Leben eigentlich noch einen Sinn?
Es ist ein Block wie viele andere,
in denen die Menschen wie Heringe wohnen.
Man grüsst sich nicht, man kennt sich nicht,
weil zuviel Leute darin wohnen.
Bis vor kurzem ging sie noch einkaufen,
doch jetzt ist sie krank und kann nicht mehr laufen.
Als man sie nach zwei Wochen endlich fand,
lag sie im Bett, weiss wie die Wand.
Sie war allein gestorben,
mit all ihren Sorgen.
Alle regen sich auf und reden,
doch keiner macht etwas dagegen.

Regina Herrgen, 3.3.1981


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